An den Wurzeln der Casa... und all ihrer Erzählungen

 

Ein Dorf am Meeresrand

Die Casa dei Racconti befindet sich im heutigen Ceggia (Ve), etwas nördlich der antiken Via Annia, der Römerstraße, die ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. die reiche Stadt Aquileia mit dem südlichen Venetien verband. Entlang der Straße – die nach dem Magistrat benannt ist, der sie erbauen ließ und der Gens Annia angehörte – entstanden blühende Siedlungen wie Oderzo, Quarto d’Altino, Concordia Sagittaria.

Ein heute noch sichtbares Zeugnis für diese Straße – die mit anderen Straßen verbunden und jahrhundertelang direkt in die Hauptverkehrsader zwischen Rom und dem Orient bis Konstantinopel eingebunden war – sind die Überreste der dreibogigen römischen Brücke, die vor wenig mehr als sechzig Jahren in diesem Gebiet gefunden wurden.

Die ersten gesicherten Überlieferungen, die von der Siedlung Ceggia berichten, gehen auf die gleiche Zeit zurück: tatsächlich kommt sein Name von dem lateinischen „cilium maris“, am Meeresrand. Obwohl die Definition malerische Szenerien hervorruft, blieb das Gebiet immer sumpfig und ungesund, was – mit dem Niedergang des Römischen Reiches und den ersten Völkerwanderungen – zu ihrem allmählichen Zerfall führte. Tatsächlich liegt dieses Gebiet am Rand der Lagune zwischen den Flüssen Piave und Livenza an mehreren Stellen unter dem Meeresspiegel und die wichtigsten Siedlungen (wie die oben genannten) entstanden auf aufgetauchtem Land. Erst mit der großangelegten Trockenlegung im zwanzigsten Jahrhundert nahm die Besiedlung der Gegend wieder deutlich zu.

 

 

Die neue Diözese, das Kloster,
die Entstehung der Casa

Nachdem die Orte im Mittelalter – sicher aufgrund der besonderen Widrigkeiten des Gebiets, aber auch infolge des für jene Zeiten typischen Verfalls der Verwaltung teilweise verlassen wurden – kam es 1535 mit der Gründung der von der Congregazione dei Canonici Regolari (Kongregation der Regularkanoniker) getragenen Pfarrei Grassaga zu den ersten Anzeichen für sein Wiederaufblühen. Auf Betreiben der gleichen Presbyter wurde dort, wo sich heute die Casa dei Racconti befindet, 1569 ein Kloster gebaut. Das mittlerweile verlassene Kloster wurde 1793 von der Republik Venedig abgerissen und es steht mit Sicherheit fest, dass Teile davon für den Bau der Casa dienten.

Dies kam ans Tageslicht, als der heutige Eigentümer, Gianni Pasin, 2013 das Gebäude vollständig renovierte. Bei der Gelegenheit konnte man sehen, dass es zwei verschiedene Arten von Steine gab: die für das neunzehnte Jahrhundert typischen roten Steine mit regelmäßiger Form und die gelben, nur roh behauenen, die ohne Zweifel früheren Jahrhunderten zuzuordnen waren.

Erste Berichte über das neue Gebäude stammen aus 1842, dem Jahr, in dem eine Katasterzählung vorgenommen wurde. Anhand einer der Karte der Kastralgemeinde entnommenen Zeichnung aus jener Zeit wurde eine vergrößerte Reproduktion angefertigt, die heute die gesamte Wand und einen Teil der Decke im Hauptsalon der Casa einnimmt.

 

 

Von den Grafen Papadopoli bis zu Gianni Pasin

Nachdem Venetien 1797 von Napoleon Bonaparte an den Kaiser von Österreich Franz II. abgetreten – und damit das Ende der Republik Venedig besiegelt wurde – wurde das seit jeher sumpfige Land auf Betreiben der neuen Verwaltung trockengelegt. Es handelte sich zwar nicht um eine endgültige Lösung wie jene im zwanzigsten Jahrhundert, gestattete jedoch einen Wiederaufschwung der Siedlungen und der wirtschaftlichen Tätigkeiten.

Das Land wurde an die künftigen Grafen Papadopoli abgetreten, von denen man annimmt, dass sie faktisch – in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts – die Casa erbaut haben: sie blieben bis 1921 die Eigentümer der Ländereien und des Gebäudes.

Anschließend ging das Eigentum an Giovanni Giol über, den Sohn von Auswanderern, die im argentinischen Mendoza, der „Heimat“ des Weines, ihr Glück gemacht hatten.

1966 kam es zum nächsten Eigentümerwechsel und dieses Mal wurde das landwirtschaftliche Besitztum zerstückelt: Die Familie Rubinato kaufte die Casa und nur 26 Hektar des umliegenden Landes.

Als nächstes ging das Eigentum auf die Familie Borga über, wonach das Gut 2013 vom heutigen Eigentümer Gianni Pasin gekauft wurde, von dem es den Namen Casa dei Racconti erhielt.

 

 

Wurzeln, Erinnerungen, Erzählungen

Giannino Zanatta ist in der Casa geboren und hat dort gelebt, bis er elf war (1958). An der Außenwand des Raumes, in dem er schlief, befindet sich ein Schild mit drei Kruzifixen und dem Datum 1559 (wahrscheinlich wurde es dort in Erinnerung an einen Teil der Steine des alten Klosters angebracht, die für den Bau des neuen Gebäudes verwendet wurden). Zanatta bewahrt viele Erinnerungen – eigene und die seiner Familie, sowie jene der damaligen zahlreichen Besucher der Casa: also auch Begebnisse, die sich lange vor seiner Geburt zugetragen hatten.

„Damals wohnten hier 21 oder 22 Personen. Kinder ab 5 halfen ihren Eltern bei der Arbeit und machten natürlich das, was sie konnten“ erklärt er. „Die Bewohner bebauten in Teilpacht fünfzig Felder und das pulsierende Herz von allem war der Stall.“

Der Stall war zugleich Treffpunkt und Arbeitsstätte, und in den kalten Monaten war er allabendlich Schauplatz des Filò: ein Begriff, der vor allem das Weben von Stoffen durch die Frauen, aber auch einen viel umfassenderen sozialen Brauch bezeichnet. Tatsächlich suchte man vor der klirrenden Kälte des Winters im Stall Zuflucht: dort hielten sich daher auch die Kinder und die Männer auf, und alle gemeinsam redeten, scherzten, machten Musik, manchmal kam es auch vor, dass sich die Jungen verliebten oder Ehen arrangiert wurden…

Giannino erinnert sich an viele Episoden des Filò, so wie er sich auch an die Getreideernte mit Ochsen und Sense erinnert, oder an die Mühen der Mütter, die aus Stoffresten und alten Autoreifen Schuhe für die Kinder anfertigten, und den Brunnen in der Tenne, der ununterbrochen reinstes Grundwasser spendete, und an dem die Familien der Nachbarschaft ihr Wasser holten. In seinen Kindheitserinnerungen bleibt der Zauber der kleinen Dinge, der Klang der Glocken der nahegelegenen Dörfer oder die Erinnerung an Ereignisse, die in seinen Augen etwas ganz besonderes waren, wie ein Besuch auf der Kirchweih in San Donà.

Aber auch ganz andere Erinnerungen steigen vor seinen Augen auf, eigene und von anderen überliefert: insbesondere Begebenheiten des zweiten Weltkriegs.

„1943 hielt meine Familie etwa ein Jahr lang zwei Soldaten der Alliierten versteckt, einen Neuseeländer und einen Engländer, die während eines Halts im Bahnhof von Ceggia aus dem Zug geflüchtet waren, der sie zu den Konzentrationslagern in Deutschland bringen sollte. Wir haben sie in zwei Abflussbecken unter dem Stallboden versteckt, die schnell sauber gemacht und weiß angestrichen wurden. Dort verbrachten sie ihren Tag, kamen abends heraus und schliefen manchmal im Heuschober, manchmal auf dem Feld.“

Für diese Episode hat die Familie Zanatta eine offizielle Auszeichnung erhalten und 2001 besuchten die Kinder des neuseeländischen Soldaten die (mittlerweile umgebaute) Casa, um die Orte zu sehen, an denen der Vater versteckt wurde, und um seinen Rettern zu danken.

 

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